Craniomandibuläre Orthopädie


Neben den „modernen" Zivilisationskrankheiten, wie A.I.D.S., Herz-Kreislauferkrankungen und den Allergien wird eine der wichtigsten Geiseln der zivilisierten Menschheit nur allzu häufig übersehen: chronische Schmerzen.


Während das Phänomen chronischer Schmerzen unter den Naturvölkern nur relativ selten anzutreffen ist, ist es in der modernen westlichen Welt zu einem lebensbestimmenden Faktor geworden. Zum einen hat sich hier ein kolossaler Markt für pharmazeutische Analgetika entwickelt, zum anderen ist der Einfluss auf die allgemeine Leistungsfähigkeit nicht zu unterschätzen. Eine von einem amerikanischen Versicherungskonzern vor einigen Jahren durchgeführte Untersuchung kam zu dem erstaunlichen Ergebnis, dass bereits zu dieser Zeit in den USA 156,9 Millionen Arbeitstage pro Jahr alleine den Kopfschmerzen zum Opfer fallen!


Die Forschung wird hier in etlichen Spitzen vorangetrieben, von denen sich die meisten mit biochemischen Schmerzmechanismen und der Entwicklung entsprechender pharmakologischer Präparate befassen. Wo immer möglich, sollten jedoch chronische Schmerzen nicht palliativ, sondern ursächlich behandelt werden, eine in dieser Größenordnung einmalige Herausforderung an die moderne Medizin zur interdisziplinären Zusammenarbeit, da chronische Schmerzen von praktisch allen Körpersystemen ausgelöst werden können.


Die Cranio-Mandibuläre Orthopädie beschäftigt sich mit der Erforschung der Ätiologie, der Diagnose und der Therapie von chronischen Schmerzen und Leiden, welche aus Körperfehlhaltung, Fehlbissstellung und chronischer muskulärer Hyperaktivität hervorgehen.



Definition:

“Die Cranio-Mandibuläre Orthopädie ist die Wissenschaft, die sich mit der Okklusion der Zähne als einem wichtigen Input in das Wechselspiel zwischen muskuloskelettaler Akkommodation, chron-ischer muskulärer Hyperaktivität und chronischen Schmerzen beschäftigt."


Grundlagen:

Speziell im Zusammenhang mit herkömmlichen gnathologischen Maßnahmen ist ein Durchbruch bei der Behandlung von cranio- mandibulären Funktionsstörungen, wie Bruxismus, Kiefergelenkserkrankung und diversen chronischen Schmerzen in den letzten 20 Jahren nicht erkennbar. Zwar haben sich die Methoden, z. B. zur präzisen Auffindung der sogenannten „Scharnierachse", oder zur Aufzeichnung von Kiefergelenksbewegungen in diesem Zeitraum außerordentlich verfeinert, und es gibt heute auf dem deutschen Markt eine größere Vielzahl von gnathologischen Geräten als irgendwo sonst auf der Welt, jedoch hat sich im gleichen Zeitraum die Verbreitung von solchen Funktionsstörungen drastisch zugespitzt.


Das Institut für Temporo-Mandibuläre Regulation in Erlangen hat daher einen völlig neuen Gedankenansatz entwickelt. Ein wichtiges Prinzip hierbei ist, nicht wie üblich zwischen „normal" und „anormal" zu unterscheiden, sondern eher zwischen „optimal" und „suboptimal", d. h., zu ermitteln, wie stark die muskuloskelettale Belastung ist, der ein Mensch unterliegt. Ein guter Ansatz liegt hier in der Betrachtung der aufrechten Körperhaltung, zu der unter anderem auch die Haltung des Unterkiefers gehört.


Die Prämisse hierbei ist, dass die für einen Menschen maximale Leistungsfähigkeit als „optimal" gilt. Je mehr Kompromisse durch muskuloskelettale Akkommodationen eingegangen werden müssen, desto mehr muss die Muskulatur an der Aufrechterhaltung der Statik beteiligt werden, was deren Bewegungspotential vermindert und daher „suboptimal" ist, da nun die volle Leistungsreserve nicht mehr zur Verfügung steht.


Ein Beispiel ist die Kopfvorhaltung: Die Schwerkraftlinie des Craniums liegt nicht mehr über, sondern vor der Wirbelsäule. Um den Kopf in dieser Stellung zu halten, muss sich nun die Nackenmuskulatur umso mehr an der Haltung des Kopfes beteiligen, je weiter dessen Schwerkraftvektor vor der Wirbelsäule liegt. Anstatt mit minimaler Energie den Kopf lediglich in der Balance zu stabilisieren, muss nun die Nackenmuskulatur allein zur Aufrechterhaltung der statischen Körperhaltung erhebliche Arbeit leisten, wodurch sich ihr Leistungspotential zusehends verringert. Die Kopfbeweglichkeit des Patienten ist mehr und mehr eingeschränkt, die Nackenmuskeln ermüden schnell, und bereits kleine Reize, die normalerweise kein Problem darstellen, wie etwas Zugluft, führen zu Nackenschmerzen. Bleibt dieser Zustand über längere Zeiträume erhalten, so wird selbst die Struktur der Nackenmuskeln den statischen Elementen (Bänder und Knochen) immer ähnlicher: Die Muskulatur wird härter und unbeweglicher, bleicher (weniger gut durchblutet) und faseriger, sie „verhärtet". Hinzu kommt noch, dass es aufgrund der größeren und ungünstigeren Kraftvektoren zu einem erheblichen Verschleiß in der HWS kommt, der dann zwar häufig diagnostiziert, nicht jedoch erklärt werden kann.