Myozentrik in der BRD


Einzelne Aspekte der Myozentrik wurden schon vor Dekaden auch universitär untersucht (z. B. Prof. Kappert, Universität Freiburg), jedoch ist die systematische Einführung der Myozentrik in Deutschland in den 80-er Jahren mit den Namen Walter Schöttl, Rainer Schöttl, Robert Jankelson und James Garry verbunden. Die Verbreitung und Weiterentwicklung in Deutschland in den darauf folgenden Dekaden wurde in erster Linie auf Initiative von Rainer Schöttl betrieben.


1986 erfolgte der erste Besuch von Dr. Walter Schöttl und seinem Sohn Rainer in Seattle, USA. Es wurde unter anderem auch viel Zeit mit dem Urheber der Myozentrik, Dr. Bernard Jankelson verbracht, und bei dieser Gelegenheit entstanden auch die letzten Videoaufzeichnungen von diesem wichtigen zahnheilkundlichen Pionier vor seinem Tod 1987.


Dr. Schöttl, sen., erhielt die Möglichkeit, die entspannende Wirkung des TENS am eigenen Körper zu erfahren, die Aktivitäten seiner Kaumuskulatur via EMG am Bildschirm mitzuverfolgen und messtechnisch zu erfahren, wie Muskelverspannung und Kieferverlagerung miteinander verflochten sind.


Diese Erfahrungen und die schlichte Logik der Systematik hatten ihn bald so für die Sache begeistert, dass er sich entschloss, ihr auch seine Firma Frankonia Dental, bis dato hauptsächlich als Distributor von Whip Mix Gipsen und Einbettmassen bekannt, zu widmen (das Bild rechts zeigt die Ausstellung des eigens gegründeten Firmenbereichs "Biotech" zur IDS in Köln mit dem damaligen Geschäftsführer der Myotronics, Inc., Bill Triminham).


Auch sein Lehrinstitut, das Institur für Temporo-Mandibuläre Regulation (ITMR), widmete Dr. Walter Schöttl ab 1986 der Myozentrik. Nach einem Vorreiterkurs 1986, dem "Privatissimum", zu dem ausschließlich vertraute frühere Kursbesucher eingeladen waren, begann die Entwicklung eines regulären Myozentrikkurses, welche bald in einem kompletten Lehrplan gemündet hatte. Diesen ersten Kursen folgten einige große Symposien in der Erlanger Stadthalle mit Dr. Jankelson, jun., als Hauptreferenten. Bald regte sich der Wunsch der Teilnehmer, bei Dr. Jankelson in dessen gewohnter Arbeitsumgebung zu hospitieren, woraufhin das Konzept der "German Learning Week" in Seattle, USA, entstand. Bis 1997 fanden acht solche Learning Weeks in Seattle statt, bis 1999 elf ITMR-Symposien.


1989 entstand der erste Kontakt zum International College of Cranio-Mandibular Orthopedics (ICCMO), als im Anschluss an ein ITMR- Symposium die Dres. Schöttl gemeinsam mit Dr. Jankelson, jun., nach Florenz zu einer internationalen Tagung des ICCMO fuhren. Dort beschloss der internationale Vorstand des ICCMO, Dr. Schöttl, jun., mit der Gründung einer deutschen Sektion zu betrauen, was im folgenden Jahr anlässlich des nächsten ITMR-Symposiums auch geschah.


1991 wurde vom ITMR zum ersten mal Paul St. John nach Deutschland eingeladen, einer der führenden Köpfe in der amerikanischen Neuromuskulären Therapie. In Amerika in Ermangelung bedeutsamer akademischer Grade von den Hochschulen generell ignoriert, konnte er bei seinen Vorträgen in Deutschland Zahnärzte wie Orthopäden in seinen Bann ziehen, darunter auch Universitätsprofessoren. Seine Logik bei der Erklärung von Fehlhaltungsmustern im Zusammenhang mit chronischen Muskelverspannungen war überzeugend, und seine geradlinige Systematik bei der Bewertung von Körper-, Kopf- und Kieferfehlhaltungen bilden auch heute noch einen Pfeiler im Fundament der Cranio-Mandibulären Orthopädie in Deutschland.


1994 wurde der damalige internationale Präsident des ICCMO, Dr. James Garry (links im Bild, bei der "German Master´s Week" 1997 in Newport Beach, bei einem seiner typischen kurzweiligen Vorträge) erstmals nach Deutschland zu einem Vortrag eingeladen. Wie er selbst beteuerte, war das nicht wirklich sein erster Besuch, der erste sei unfreiwillig während des zweiten Weltkrieges in Folge eines Flugzeugabschusses per Fallschirm erfolgt. Dieser und weitere Vorträge Dr. Garry´s im ITMR hatten sehr viel Einfluss auf die weitere Entwicklung der Myozentrik in Deutschland, denn er verstand es, die Rolle der Atmung und der Zunge bei der Fehlentwicklung des Kraniums begreiflich zu machen, und auch deren Wechselspiele mit der CMD, welche bis dahin unbeachtet geblieben waren.


Außer den Referenten und deren Lehren, welche in Deutschland und den USA unterschiedlich in die Myozentrik integriert wurden, gab es aber noch einen weiteren, wesentlichen Faktor: Mit der Novelle der GOZ hatte 1988 in Deutschland eine Spirale der staatlichen Einflussnahme auf die zahnmedizinische Versorgung begonnen und es war ein enormer Kostendruck speziell für Methoden entstanden, welche sich noch keiner weiten Verbreitung erfreuten. Gleichzeitig setzte in den USA ein ganz anderer Trend ein: Aufgrund der hohen Haftpflichversicherungsprämien wandten sich mehr und mehr Zahnärzte von der CMD-Behandlung ab. Zusätzlich bewog die aufkeimende EBM (Evidence based Medicine) mit ihren Aussagen, die Okklusion habe nichts mit CMD und Schmerz zu tun, Träger der amerikanischen Hochschulen dazu, Mittel für die Fortbildung in Gnathologie und Okklusion zu streichen, so dass in diesen Fächern die Ausbildung zum Teil völlig unterblieb. Dies führte zu einer weit verbreiteten Rückkehr zu einer simplistischen Zahnheilkunde, bei der Artikulatoren kaum mehr zum Einsatz kamen. Während sich die Myozentriker von diesem Trend in den USA als "High-Tech-Zahnärzte" abzusetzen suchten, waren deren Kollegen in Deutschland eher gezwungen, nach einfacheren und und kostengünstigen Wegen zur Myozentrik zu suchen.


Ein Beitrag hierzu war die Entwicklung von preisgünstigen TENS-Geräten für die Myozentrik durch die heimische Industrie in Deutschland, ein anderer die Entwicklung von Techniken, welche eine zuverlässige Myozentrik auch dann erlauben, wenn aufwändige Messgeräte nicht zur Verfügung stehen. Hierfür mussten auch Alternativen zur gängigen Modellübertragungs- und Artikulatortechnik entwickelt werden, welche zum einen Fehlerquellen in die Myozentrik einbrachten, zum anderen aber dem konstruktiven Umgang mit wichtigen Parameter, wie der Kauebene und den Kompensationskurven (und damit der Orientierung der Kaufläche zum Kausystem) im Wege standen.


Die moderne Myozentrik ist heute in Deutschland als eine orthopädische Gesamtheit zu verstehen. Man verlässt sich nicht länger blind auf ein TENS-Gerät für die Bissnahme, sondern man vermisst z. B. die Orientierung der oberen Zahnreihe zu den Schädelebenen und die Lage der oberen Schneidezahnmitte zur Schädelmitte. Dementsprechend kann man dann die Lage der Unterkiefermitte zur Schädelmitte anhand deren Relation zum Oberkiefer ermitteln, und so laterale, wie auch vertikale und sagittale Stellungsfehler der Mandibula zum Kranium mit einfachen Mitteln identifizieren. Somit erhält der Therapeut mehr Übersicht bei der Vorbehandlung bezüglich der Einbindung von Ko-Therapeuten, der Präsenz von Muskelverspannungen, Faszienverkürzungen, etc., nutzt aber nach wie vor die Vorzüge der Myozentrik bei der Auflösung von neuromuskulären Stellungsfehlern des Unterkiefers.