Wissenschaft

Robert Jankelson, D.D.S. und Rainer Schöttl, D.D.S. (USA)


"Die Myozentrik ergibt immer Kondylenlagen, die zu weit anterior sind", oder "Die Myozentrik liegt im Mittel um den Betrag x anterior zur Bisslage y". So oder ähnlich steht es öfters zu lesen, allerdings leider zumeist bei Autoren die nicht selbst mit der Myozentrik arbeiten und in deren Bestimmung routiniert sind. Eine solche Aussage ist aber ebenso falsch, wie etwa die, dass handgeführte Biss-nahmen immer Kondylenpositionen ergeben, die zu weit retral liegen.


Solange nicht begriffen wurde, was die Myozentrik eigentlich ist, und in welchen Punkten sie sich grundlegend von anderen zentrischen Positionen unterscheidet, sind Diskussionen aber nur begrenzt sinnfällig.


Bei der Definition der Myozentrik sollte von deren Urheber, Dr. Bernard Jankelson, ausgegangen werden. Natürlich hat man in den über 40 Jahren, in denen es die Myozentrik bereits gibt, dazu gelernt, so dass sich die Definition zwischenzeitlich präzisieren lässt. Jedoch sollte der Terminus "Myozentrik", nur weil der Begriff angenehm über die Lippen geht, nicht willkürlich umgedeutet werden und auf Verfahren angewandt werden, die mit der wirklichen Myozentrik nichts gemein haben.


Um hier Klarheit zu schaffen, entstand dieser Beitrag in Zusammenarbeit mit Dr. Robert Jankelson, dem Nachfolger des Urhebers der Myozentrik, der während der Dekaden seiner eigenen zahnärztlichen Tätigkeit die Myozentrik weltweit gelehrt und verfeinert hat.


Der Terminus "Myozentrik" wurde von Dr. Bernard Jankelson etwa 1970 geprägt und eine der ersten Male in der Literatur 1972 beschrieben (Quintessence International, 3:12, 57-62, Jankelson, B. and Swain, C.W. Physiologic aspects of muscle stimulation: The Myomonitor.)


Die Myozentrik als physiologisch valide Okklusalposition baut laut Dr. Jankelson, Jr. auf folgenden Prämissen auf:


  1. Der Myomonitor, bzw. Ultra-Niederfrequenz-TENS-Therapie, ist eine effiziente Modalität, um die Kaumuskulatur zu entspannen,  bzw. zu entkrampfen.
  2. Diese Therapie der Muskeln erfolgt über neurale Stimulation und nicht über oberflächliche, bzw. örtliche Muskelstimulation. Es ergibt sich aus dieser Stimulation daher eine isotonisch Bewegung des Unterkiefers, die aus einer synchronen Kontraktion der durch den V. Kopfnerven innervierten Muskeln entsteht.
  3. Entlang einer solch isotonischen Schließbewegung des Unterkiefers liegt der physiologisch erstrebenswerte Punkt der okklusalen Interkuspidation.


Punkt 1 wird durch eine Vielzahl an wissenschaftlichen Veröffentlichungen untermauert. Eine der neueren Arbeiten in Deutschland stammt von der Universität in Freiburg (Eble und Kappert, J. of Orthofac. Orthopedics, 61 (2):pp100-111, 2000), wo gezeigt wurde, dass durch die Stimulation mit Niederfrequenz-TENS die Muskelaktivität in Form des integrierten EMG-Signals gesenkt werden kann, aber keine Ermüdung der Muskeln eintritt, denn die mittlere EMG Frequenz verlagert sich eher hin zu höheren Werten.


Punkt 2 wurde in der Vergangenheit hitzig diskutiert. Es gab Autoren, die argumentierten, die TENS-Impulse des Myomonitor werden nur oberflächlich und lokal geleitet, wodurch es zu keiner synergist-ischen Kontraktion verschiedener Kaumuskeln käme, und keine wirklich isotonische Schließbewegung sichergestellt sei. Der Verlauf solcher und ähnlicher Debatten wurde von Dr. Robert Jankelson 1999 dokumentiert (Neuromuscular Dentistry: The Next Millennium. Anthology Volume V ICCMO, ISBN 0-9675046-0-0, S. 3-9), und die These der nicht-neuralen Muskelstimulation durch TENS ist heute nicht mehr haltbar.


Die ersten beiden Prämissen finden also in der wissenschaftlichen Literatur eine breite Basis. Die 3. Prämisse ergibt sich bereits aus einer allgemeinen Betrachtung der Muskelphysiologie.


Im Unterschied zu anderen Bissnahmetechniken werden neuromuskuläre Bisslagen mittels der körper-eigenen Muskulatur bestimmt. Unter den neuromuskulären Methoden hebt sich die Myozentrik dadurch hervor, dass sie sich aus der einzigen entspannten, rein muskelgetragenen Position des Unterkiefers ergibt, der Ruhe-Schwebe. Eben hier ergibt sich auch der gravierende Unterschied zu vielfach üblichen Techniken, die Bisslagen aus einer Grenzposition der Kondylköpfe, aus einem Grenzverlauf der Kondylbewegung, oder aus röntgenologischen Auswertungen von hartgeweblichen Strukturen ableiten: Ausgangspunkt für die Ermittlung der Myozentrik ist eine therapeutisch (durch Niederfrequenz-TENS) entspannte Ruhe-Schwebe des Unterkiefers.


Die beste muskuläre Effizienz entsteht nun in einer Muskellänge, in der sich die Aktin- und Myosin-filamente maximal, d. h. mit der maximal möglichen Anzahl von Kreuzbindungen, überlappen. Diese Muskellänge findet sich nahe der passiven Ruhelänge des Muskels, dazu verkürzte oder verlängerte Muskelzustände weisen ein geringeres Kontraktionspotential auf (siehe auch Nordin MM and Frankol VH. Basic Biomechanics of the Musculoskeletal System. 2. Ausgabe Philadelphia, Lea and Febiger, 1989, bzw. Gossman MR, Sahrman SA and Rose SJ. Review of the length associated changes in muscle: experimental evidence and clinical implications. Phys. Ther. 62:1791-1808, 1982).


Wenn die Myozentrik  mit einer Distanz von 1,0 - 2,0 mm zur entspannten, physiologischen Ruhe-Schwebe ermittelt wird, so ist dies ein Ausdruck dieses Aktin/Myosin Denkmodells der maximalen muskulären Effizienz mit maximalem Kontraktionspotential und minimalem Ruhetonus nahe der ent-spannten Ruhelänge eines Muskels. Dies kann auch elektromyografisch nachgewiesen werden, indem man das maximale volontäre Kontraktionsverhalten der Kaumuskulatur bei verschiedenen Kieferposi-tionen vergleicht (siehe auch Hickman DM and Cramer R. The effect of different condylar positions on masticatory muscle electromyographic activity in humans. J. Oral Surg, Oral Med, Oral Path, 85(1):18-23, 1998. Bzw. Hickman Dm, Cramer R and Stauber WT. The effect of four jaw relations on electromyographic activity in human masticatory muscles. Arch Oral Biol Mar: 38(3):261-264, 1993.)


Die Myozentrik ist also eine Position des Unterkiefers, die sich nicht aus irgendwelchen Manipu-lationen durch den Behandler, oder auch durch den Patienten selbst, ableitet. Vielmehr baut sie auf der Ermittlung einer möglichst entspannten Ruhe-Schwebe des Unterkiefers auf.


Hierbei gibt es jedoch etliche Variable, die vom Behandler kontrolliert werden müssen, bzw. die bei Vergleichsstudien mit anderen Bissnahmetechniken quantifiziert werden müssen, wenn ein erst-zunehmendes Resultat angestrebt wird:








Ergaben daher Versuche, mit Hilfe eines T.E.N.S.-Gerätes, wie z.B. dem Myo-Monitor nach Jankelson, Bissregistrate, die nach dem Gefühl des Behandlers "zu weit vorne" lagen, so kam offensichtlich kein Procedere zum Einsatz, das "richtige" Positionen zum Resultat hatte, und dies sehr wahrscheinlich, da überhaupt kein Interesse daran bestand, bei solchen Versuchen mit Hilfe der Myozentrik "richtige" Resultate zu erzielen. Mannigfaltige Veröffentlichungen in der internationalen Literatur zeigen jedoch, dass es offensichtlich vielen Praktikern sehr wohl möglich ist, mit Hilfe myozentrischer Techniken auch bei schwierigen Fällen zu objektiv durch die Elektromyographie überprüfbaren guten Resultaten zu gelangen, die sich dann auch in einer gravierenden Reduzierung etwaiger Symptome beim Patienten niederschlägt.


Im Prinzip will man mit myozentrischen Techniken lediglich Zustände erzielen, die eigentlich unstrittig sein müssten: Man versucht eine Bissposition zu ermitteln, die in allen Dimensionen so geartet ist, dass zum einen hier die maximale Funktionsfähigkeit erzielt werden kann, zum anderen die dazu-gehörige Ruhe-Schwebe des Unterkiefers mit einem bestmöglich entspannten und ausgeglichenen Ruhetonus aller beteiligten Muskeln einher geht.