“Mit der Myozentrik existiert ein elegantes Verfahren zur Behandlung von kraniomandibulären Dys-funktionen. Im Unterschied zur klassischen Gnathologie, die die Bissposition aus der Biomechanik der Kiefergelenke abzuleiten sucht, versucht die Myozentrik mit TENS die chronisch verspannte Muskulatur zu lockern und die Gewöhnung an eine bestimmte Kontaktsituation zwischen den Zähnen aufzulösen, bevor eine muskulär möglichst ausgeglichene Bisslage ermittelt wird. Dies besonders auch auch in Fällen, bei denen erkrankte Gelenke pathologische und manchmal irreführende Anhaltspunkte geben würden.”


- Rainer Schöttl D.D.S. (USA), Erlangen

Grundlagen

Für die Anfertigung von Zahnersatz ist die Einstellung von Zahnmodellen in einem Artikulator erforderlich. Während hierfür das Modell des Oberkiefers mit Bezug zum Schädel übertragen wird, bieten sich dem Zahnarzt eine begrenzte Anzahl von Möglichkeiten der Zuordnung des Unterkiefer-modells an. Hierbei stehen meist technische und logistische Belange im Vordergrund: Der Zahnarzt möchte bei späteren Modelleinstellungen gerne wieder zur gleichen Modellrelation kommen können, etc.. Aus diesem Grunde sind meist Verfahren üblich, bei denen der Zahnarzt den Unterkiefer des Patienten in eine Grenzposition manipuliert, die vermeintlich jeder Zeit wieder auffindbar ist, um das für die Modelleinstellung nötige Bissregistrat zu erstellen.


Gerade beim CMD-Patienten (CMD = Cranio-Mandibular Dysfunction), bei dem häufig geschädigte und pathologisch veränderte Kiefergelenke vorliegen, bergen solche Manipulationsversuche jedoch nicht unerhebliche Gefahren: Beim Versuch, den Unterkiefer des Patienten z. B. in die rückwärtige Grenz-stellung zu manipulieren, kann das Gelenk, bzw. der Bandapparat, oder auch das Weichgewebe, einer Seite resilienter sein, als auf der anderen Seite. Hierdurch würde unweigerlich bei der Manipulation nach retral auch eine Abweichung des Unterkiefers hin zur nachgiebigeren Seite hin entstehen, vom Behand-ler unbeabsichtigt und womöglich auch unbemerkt. Die Kiefermitten kämen nicht mehr übereinander zu liegen, eine dentale Neuversorgung wäre zwangsweise wenig physiologisch und stünde in keiner guten Harmonie zur Muskulatur. All die moderne Technik, die heute zum Zahnersatz eingesetzt wird, hilft jedoch nichts, wenn der Patient gezwungen ist, all seine Kieferbewegungen auf eine unphysiologische Bissposition hin auszurichten, auch wenn dies meist automatisch und völlig unbewusst geschieht.


Gerade die zahnärztliche Prothetik arbeitet in einem besonders anspruchsvollen Bewegungssystem, denn nirgendwo sonst im Körper existiert eine hartgeweblich präzise definierte und eng verschlüsselte Zielposition für ein Körperteil, wie dies bei der Okklusion der Zähne für den Unterkiefer der Fall ist. Hierfür ist eine extrem aufwändige sensorische, motorische und propriozeptive Steuerung erforderlich, was auch schon die schiere Größe des N. trigeminus vermuten lässt. Hinzu kommt, dass der Unterkiefer des Menschen letzten Endes zwischen dem beweglichen Kranium und dem Torso bewegt wird. Nach Neuhuber entscheidet die Aktivität der Nackenmuskulatur, ob eine Anspannung der hyoidalen Musku-latur zu einer Mundöffnung führt, dann nämlich, wenn die Nackenmuskulatur das Kranium gleichzeitig stabilisiert, oder zu einer Beugung des Kopfes, wenn die Elevatoren den Unterkiefer fixieren, und stattdessen das gesamte kraniomandibuläre System geneigt wird. Dem entsprechend gibt es auch eine außerordentlich dichte Verflechtung zwischen der Reflektorik des Trigeminussystems und der der superioren Zervikalnerven.


Die Myozentrik ist, im Lichte der klassischen Gnathologie betrachtet, ein unorthodoxes, völlig anderes Verfahren zur Bestimmung der Bissposition. Hier entsteht die Zuordnung des Unterkiefers ohne jede Manipulation von außen durch die körpereigene Muskulatur des Patienten. Da das Muskelspiel bei CMD-Patienten meist gestört ist, ist eine entsprechende Vorbehandlung unerlässlich. Falls nötig werden daher in die vorbereitende Therapie auch manuelle Therapeuten, Physiotherapeuten, Atlastherapeuten, etc., mit eingebunden. Unmittelbar vor der Bissnahme in der Zahnarztpraxis erfolgt eine Entspannung und Deprogrammierung der Kaumuskulatur mit einer spezifischen, weniger bekannten T.E.N.S.-Modalität.

Abb 1: 1967 wurde vom Urheber der Myozentrik, Dr. Bernard Jankelson, das erste spezifisch hierfür konzipierte TENS-Gerät vorgestellt: Der Myo-Monitor Modell J1

Anstatt im Sinne der Schmerztherapie eine mittel- oder hochfrequente Gegenstimulation einzusetzen, oder im Sinne der Physiotherapie tetanische Kontraktionen in Muskeln auszulösen, geht es bei dieser Form der T.E.N.S.-Applikation um eine schonende Muskel-massage „von innen". Durch niederfrequente (0,5 – 1 Hz), auf die Depolarisation der motorischen Endplat-ten optimierte, Einzelimpulse von 500 µSek Breite werden die funktionsfähigen Fasern der Kaumuskulatur zu kurzen Kontraktionen angeregt, denen dann eine relativ lange Pause folgt. Hierdurch kommt die kapillare Zirkulation im Muskel wieder in Gang und die Lymphe wird schonend abtransportiert. Während einer Therapiezeit von 30 – 60 Minuten lässt sich so der metabolische Zustand der behandelten Muskeln tief greifend beeinflussen. Wenn gleichzeitig auch die Okklusion der Zähne unterbunden wird, so wird eine ständige Neuprogrammierung der Muskelspindeln in der betroffenen Muskulatur vermieden, und der Unterkiefer stellt sich von selbst physiologisch in Harmonie zur Muskulatur (fast immer auch mittig zum Kranium) ein.

Abb 3: Die besondere Effizienz der beschriebenen TENS-Modalität lässt sich im EMG gut darstellen: Nicht nur ist die Ruhespannung hypertoner Muskeln um teils über 60% gesunken, die Symmetrie zwischen den Muskelpaaren ist auch weitgehend wieder hergestellt, eine ideale Vorbereitung für die nachfolgende Bissregistrierung!

Abb 2: Moderne TENS-Geräte für die Myozentrik verfügen über Balance- und Pausefunktion, bis hin zu einer Protokollfunktion zur Kontrolle der erfolgten vorbereitenden Heimanwendungen durch den Patienten

Für die Bissregistrierung nimmt der Patient dann eine aufrechte Körperhaltung ein, im Gegensatz zu den gewöhnlichen Techniken, bei denen der Patient während der Bissnahme im Behandlungsstuhl liegt. Dem entsprechend ergeben sich durch das myozentrische Verfahren meist auch mehr oder weniger deutliche Unterschiede im Resultat, im Vergleich zu anderen Techniken der Bisslagenbestimmung. Nicht selten kann so doch eine somatische Quelle für therapierestistent geglaubte chronische Schmerzen aufgezeigt werden, und dies nicht nur bei Gesichts- und Kiefergelenkschmerzen. Aufgrund der engen reflektorischen Verflechtung zwischen dem Trigeminussystem und dem Nackenre-zeptorfeld sprechen auf die myozentrische Aufbiss-therapie oft auch Nackenschmerzen und Spannungs-kopfschmerzen, welche nicht selten durch myofasciale Triggerpunkte im Nacken unterhalten werden, an.

Literatur:


1. Schöttl: Myozentrik. ICCMO-Brief - Das Jahreskompendium des International College of Cranio-Mandibular Orthopedics, Sektion Deutschland, e. V., 9;3, 2003. ISBN3-9809342-0-9


2. Neuhuber in Hülse, Neuhuber, Wolff: Der franio-zervikale Übergang. Grundlagen Klinik, Pathophysiologie. Springer Verlag 1998. ISBN 3- 540-62589-5


3. Hülse, Losert-Bruggner, Schöttl, Zawadski: Wechselwirkungen Cranio-mandibulärer und Cranio-Cervikaler Dysfunktionen und neuromuskulär ausgerichtete Bisslagenbestimmung mit Hilfe niedrigfrequenter TENS-Therapie. ICCMO-Brief 9;12, 2003.


4. Schöttl: Der heilende Puls. Die neuromuskuläre Therapie mit TENS. ICCMO-Brief 4;1997